Was sehen Menschen wirklich, wenn sie durch Gärten oder urbane Plätze flanieren? Und wie können wir dieses Wissen nutzen, um Freiräume zu gestalten, die intuitiv funktionieren und nachhaltig wirken?

Zu diesem Thema referierte kürzlich Prof. Dirk Junker von der Hochschule Osnabrück im Rahmen einer internen Schulungsveranstaltung des MERA Entwurfskreises. In seinem Vortrag vermittelte er Einblicke in seine Forschungsarbeit und erläuterte, wie Eye Tracking Methoden dazu beitragen können, Wahrnehmung im Raum messbar zu machen und Planungsentscheidungen zu fundieren. Diese Fragestellungen treffen den Kern eines Anspruchs, der MERA seit jeher begleitet: Menschen als Nutzer*innen eines Raumes ernst zu nehmen und wissenschaftliche Erkenntnisse in gestalterische Praxis zu überführen.

Die Welt durch die Augen der Nutzer*innen sehen

Während sich viele Planungsprozesse auf Erfahrung oder gestalterische Intuition stützen, eröffnet Eye Tracking einen empirisch gestützten Zugang zur Raumwahrnehmung. Mit mobilen Brillen lassen sich Blickbewegungen im realen Raum aufzeichnen und analysieren. Diese Daten machen sichtbar, was in der Regel unbewusst geschieht: wohin Menschen blicken, wie sie sich orientieren und welche Raumbereiche unbemerkt bleiben. Ergänzt durch qualitative Befragungen entsteht ein tiefgreifendes Verständnis dafür, wie Räume tatsächlich gelesen und erlebt werden.

Diese Perspektive erweitert klassische Methoden der Freiraumplanung und erlaubt es, Wahrnehmung gezielter in Entwurf und Gestaltung einzubeziehen. Für MERA bedeutet das eine wertvolle Ergänzung unseres gestalterischen Werkzeugkastens.

Wahrnehmung und Gestaltung zusammendenken

Im Vortrag wurde deutlich, welches Potenzial in der Analyse visueller Aufmerksamkeit liegt. Blickverläufe, sogenannte Blickpfade, und sogenannte Heatmaps (farbliche Darstellungen jener Raumbereiche, die besonders stark oder kaum wahrgenommen werden) machen sichtbar, welche Elemente im Raum Orientierung ermöglichen oder besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ebenso wird erkennbar, wo relevante Informationen oder Wege übersehen werden.

Dass dieser Ansatz nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch relevant ist, zeigen verschiedene Eye-Tracking-Studien, die Prof. Junker in realen Freiräumen durchgeführt hat,  darunter Untersuchungen zu historischen Gartenanlagen oder auch Parks im urbanen Kontext. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in Forschung und Lehre ein und bilden eine fundierte Grundlage für gestalterische Entscheidungen.

Solche Erkenntnisse könnten künftig dabei helfen, Sichtachsen gezielter zu setzen, Leitsysteme funktionaler zu gestalten oder Atmosphäre bewusster zu inszenieren. Damit bestätigt sich ein zentrales Ziel unserer Vision: Impulse aus Forschung und Praxis miteinander zu verknüpfen und für nutzer*innenzentrierte Entwürfe nutzbar zu machen.

Gestaltung im Dialog mit Forschung

Ein zentrales Thema des Vortrags war der Perspektivwechsel: gute Gestaltung beginnt beim genauen Hinsehen. Für uns bei MERA ist Eye Tracking kein Selbstzweck, sondern ein möglicher Beitrag zu einem vertieften Verständnis räumlicher Wahrnehmung. Auch wenn wir derzeit selbst nicht mit dieser Methode arbeiten, liefert sie wertvolle Anstöße, die unsere Haltung zur Planung stärken.

Besonders anregend war die Frage, inwiefern sich Erkenntnisse aus der Blickverlaufsforschung langfristig in Entwurfsprozesse integrieren lassen. Die Diskussion im Anschluss zeigte, wie offen unser Team für diese Art von methodischer Erweiterung ist und wie stark der Wunsch ist, menschliches Verhalten stärker in gestalterische Entscheidungen einzubeziehen. Forschung und Praxis zu verbinden ist dabei nicht nur ein Ziel, sondern gelebter Anspruch.

Ausblick

Der Vortrag von Prof. Junker hat uns als Team bestärkt, unser Verständnis für Raumwahrnehmung weiter zu schärfen. Methoden wie das Eye Tracking könnten zukünftig dazu beitragen, Entwürfe noch stärker an realen Nutzungsweisen und Bedürfnissen zu orientieren.

Wir nehmen aus dieser Schulungsveranstaltung wertvolle Impulse mit. Für eine Planung, die Räume schafft, die nicht nur funktional und schön sind, sondern sich für die Menschen selbstverständlich und richtig anfühlen.


Herzlichen Dank an Prof. Junker für diesen inspirierenden Austausch!

Prof. Dirk Junker ist Landschaftsarchitekt und Professor für Freiraumplanung an der Hochschule Osnabrück. Seit dem Jahr 2000 lehrt und forscht er an der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur, mit einem besonderen Fokus auf nutzerorientierte Entwurfsprozesse. 2014 gründete er dort das Eye-Tracking Collective.landscape architecture (ETC.la) – ein Labor, das sich mit der Anwendung mobiler Eye-Tracking-Technologien in der Freiraumplanung befasst. Er ist außerdem Partner in der JKL PartG mbB in Osnabrück und Gastprofessor an der UNL, Santa Fe in Argentinien.