Frankenstraße: Ein multifunktionaler Freiraum für Wohnen, Arbeiten und Gastronomie
Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Spielen, Pause machen, sich begegnen oder sich zurückziehen: In hybrid genutzten Gebäuden treffen auf den Freiraum oft mehr Erwartungen als Quadratmeter zur Verfügung stehen. Die landschaftsarchitektonische Aufgabe besteht dann nicht darin, für jede Nutzung einen eigenen Bereich auszuweisen. Entscheidend ist vielmehr, Flächen so zu gestalten, dass sie mehrere Funktionen übernehmen und sich unterschiedliche Nutzer*innengruppen den Raum im Alltag aneignen können.
Bei dem inzwischen fertiggestellten Wohn- und Bürokomplex in der Frankenstraße in der Hamburger City Süd war genau das die zentrale Herausforderung für uns Landschaftsarchitekt*innen.
Das neungeschossige Gebäude vereint Büroflächen, 28 Wohneinheiten, ein Ladengeschäft und ein Café. Entsprechend unterschiedlich sind die Nutzer*innen, die sich hier täglich bewegen: Mitarbeitende verbringen ihre Pausen draußen, Bewohner*innen nutzen den Hof als wohnungsnahen Freiraum, Kinder brauchen Möglichkeiten zum Spielen und Besucher*innen der Gastronomie genießen den Raum zum Sitzen und Verweilen.
All diese Anforderungen treffen auf eine vergleichsweise kleine Freifläche innerhalb eines dicht bebauten städtischen Umfelds.

Nicht verteilen, sondern überlagern
Der realisierte Freiraum reagiert darauf mit einer bewusst multifunktionalen Organisation. Die einzelnen Bereiche sind räumlich gegliedert, bleiben in ihrer Nutzung aber möglichst offen.
Lange Sitzbänke entlang der Pflanzflächen dienen der Mittagspause genauso wie dem kurzen Gespräch oder dem Aufenthalt der Bewohner*innen. Tische und frei nutzbare Sitzgelegenheiten schaffen weitere Aufenthaltsmöglichkeiten. Spiel- und Bewegungsangebote sind in die räumliche Struktur eingebunden, ohne daraus einen vollständig separierten Spielplatz zu machen.

Foto: MERA; Personen im Bild sind KI-generiert
Multifunktionalität entsteht hier nicht dadurch, möglichst viele Einzelangebote auf kleiner Fläche unterzubringen. Vielmehr übernehmen Räume und Elemente mehrere Aufgaben gleichzeitig und können im Tagesverlauf unterschiedlich genutzt werden.
Diese Offenheit ermöglicht eine hohe Nutzungsdichte, ohne den Freiraum in viele kleine, monofunktionale Teilbereiche zu zerlegen.
Vegetation als Raum
Eine zweite prägende Ebene des Entwurfs bildet die intensive Begrünung.
Mehrstämmige Gehölze, Stauden und Gräser stehen nicht lediglich an den Rändern der Höfe. Die Pflanzungen greifen in den Raum hinein, gliedern Wege und Aufenthaltsbereiche und erzeugen unterschiedliche Situationen zwischen Offenheit und Rückzug.
Großzügige Hochbeete ermöglichen trotz der stark baulich geprägten Situation ein deutlich wahrnehmbares Vegetationsvolumen. Die Gehölze verändern Blickbeziehungen, schaffen räumliche Tiefe und machen Grün aus unterschiedlichen Bereichen des Gebäudes sichtbar.
Damit knüpft das Konzept an Prinzipien des biophilen Designs an. Natur wird nicht als dekorative Ergänzung eingesetzt, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Umfelds. Die Menschen bewegen sich zwischen Gehölzen und Pflanzungen, sitzen unmittelbar an Vegetationsflächen oder blicken aus den angrenzenden Innenräumen in die begrünten Höfe.

Die Vegetation übernimmt damit mehr als eine atmosphärische Funktion. Sie ist ein wesentliches Mittel der räumlichen Gliederung und schafft innerhalb der baulichen Dichte differenzierte Aufenthaltsbereiche.
Materialität schafft Zusammenhang
Auch die Materialwahl unterstützt diese räumliche Idee.
Klinkerpflaster, Holzdecks und hölzerne Einbauten treffen auf rotbraune Pflanzeinfassungen. Die warme Farbwelt setzt sich in den Fassaden und Arkaden des Gebäudes fort. Freiraum und Architektur erscheinen dadurch nicht als getrennte Ebenen, sondern als zusammenhängendes räumliches Gefüge.
Gleichzeitig übernehmen die Materialien unterschiedliche Aufgaben. Klinker bildet robuste Wege- und Bewegungsflächen. Holz kennzeichnet Bereiche, die stärker mit Aufenthalt und unmittelbarem Kontakt verbunden sind. Die Hochbeete nehmen Vegetation auf, strukturieren die Fläche und werden teilweise selbst zu Sitzgelegenheiten.

Gestalterische und funktionale Aufgaben werden damit miteinander verknüpft.

Unterschiedliche Bedürfnisse in einem gemeinsamen Freiraum
Die besondere planerische Leistung dieses Projekts liegt weniger in einem einzelnen Gestaltungselement als in der Organisation unterschiedlicher Bedürfnisse auf begrenztem Raum.
Die Freiflächen funktionieren nicht ausschließlich als Bürohof, Wohngarten, Caféterrasse oder Spielfläche. Unterschiedliche Nutzungen überlagern sich, während Vegetation, Materialität und räumliche Gliederung genügend Differenzierung für Aufenthalt, Begegnung, Spiel und Rückzug schaffen. So bleibt der Freiraum trotz seiner vielfältigen Aufgaben als zusammenhängender Ort lesbar.
Gerade in dicht bebauten Quartieren gewinnt diese Form der Mehrfachnutzung an Bedeutung. Freiräume müssen zunehmend soziale, funktionale und gestalterische Anforderungen gleichzeitig aufnehmen. Die Frankenstraße zeigt, wie sich diese Aufgaben miteinander verbinden lassen: durch offene Nutzungsmöglichkeiten, räumliche Differenzierung und eine starke Präsenz von Vegetation.
Entstanden ist ein intensiv begrünter urbaner Freiraum, der die unterschiedlichen Nutzungen des Gebäudes zusammenführt und auf kleiner Fläche ein breites Spektrum alltäglicher Nutzungsmöglichkeiten bietet.

Bilder: MERA